Kann man ein komplettes Unternehmen durch BPM outsourcen?

Ja, Sie haben richtig gelesen: die Frage, die ich hier stelle zielt darauf ab, eine Fertigungstiefe von 0% durch eine konsequente Anwendung vom Prozessmanagement zu erreichen. Es geht hierbei um „Business Prozess Outsourcing (BPO) durch Business Process Management (BPM)“. Business Process Outsourcing bezeichnet das Auslagern kompletter Geschäftsprozesse – der Fokus liegt also auf der Ablauf- und nicht der Aufbauorganisation. Es wird deutlich, dass man für ein qualitatives BPO seine Prozesse – vor allem die Prozessnahtstellen – kennen und managen muss. Einfach betrachtet wird bei einem outgesourcten Prozess nur die Nahtstelle gemanagt – nicht mehr und nicht weniger.

Machen wir einen Ausflug in die Theorie und Praxis der Arbeitsorganisation, um die Frage aus der Überschrift beantworten zu können: wenn wir uns die heute allgegenwärtige Arbeitsteilung näher ansehen erkennt man, dass es Sinn macht, dass jeder das macht, was er am besten kann: man spezialisiert sich und erreicht so eine hohe Effektivität und Effizienz. Bei einer konsequenten Anwendung von Prozessmanagement geht es genau darum: „die richtigen Dinge von den richtigen Akteuren in der richtigen Reihenfolge richtig zu tun“.

Eine Arbeitsteilung benötigt auf der anderen Seite aber zwingend eine Koordination und bewirkt Abhängigkeiten zwischen den Akteuren. Auch diesen Anspruch erfüllt ein konsequent angewendetes BPM. In der heutigen Arbeitswelt ist die Arbeitsteilung das Non-Plus-Ultra – oder kennen Sie noch viele Manufakturen in denen jeder Mitarbeiter alles macht? Jede Abteilung, jeder Bereich, jede Organisationseinheit in der heutigen Arbeitswelt entspringt dem Kerngedanken der Arbeitsteilung.

Dynaxität

Jedes Unternehmen / jede Organisation befindet sich aktuell in einer alles anderen als langweiligen Welt und wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst: Kunden, Wettbewerber, Innovation, Umwelt, Märkte, Qualitätsanforderungen, Lieferanten, Krisen, Partner, Gesetze, Politik, Gesellschaft, Shareholder, Stakeholder etc. Gerade die Arbeitsorganisation wird von dieser „Dynaxität“ (Mischung aus Dynamik und Komplexität) stark beeinflusst: Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten erwarten eine besser daran angepasste neue Organisation und Arbeitskultur. Schauen wir uns zunächst die Mitarbeiter an: das Thema Home-Office verstärkt sich, es gibt mehr klein-Selbständige, eine Profilierung über die Mitarbeiter-Anzahl erfolgt seltener – um nur einige Beispiele zu nennen. Dies wird auch in dem Artikel von meinem Kollegen Armin Neises deutlich.

Betrachten wir auf der anderen Seite die Wünsche und Anforderungen der Kunden und Lieferanten wird deutlich, dass es hier vor allem um das erwähnte Nahtstellenmanagement geht – der Frage: was wirkt von Außen auf mein Unternehmen / meine Organisation ein und wie kann ich dieses steuern. Wie kann man das Nahtstellenmanagement überhaupt bekommen bzw. betreiben und dann noch flexibel auf alle Anforderungen reagieren? Eine Lösung ist hier das Prozessmanagement. Wenn einem alle Prozesse mit all ihren relevanten Bestandteilen bewusst sind, diese im besten Fall auch noch konsequent gemanagt werden, hat man schon das „Rüstzeug“ um die Prozessgrenzen – die Nahtstellen – zu managen.

Zurück zur eigentlichen Frage: kann man ein komplettes Unternehmen durch BPM outsourcen – eine Fertigungstiefe von 0% erreichen? Das vorab erläuterte Nahstellenmanagement gilt nicht nur für alle Prozessgrenzen zu externen Anspruchsgruppen sondern auch bei allen internen Prozessgrenzen. Sind die internen Nahtstellen durch ein Prozessmanagement so definiert wie die externen kann man für jeden (!!!) Prozess die Frage beantworten, ob ein Outsourcing durchgeführt werden sollte oder nicht. Und wenn die Prozesse erst transparent sind und gemanagt werden, können die Aufgaben entweder eliminiert, automatisiert oder delegiert – also outgesourct – werden.

Durch BPM wird die Grundlage geschaffen alle Vor- und Nachteile der „make-or-buy-Entscheidung“ gegeneinander abwägen zu können, komplette Prozesse qualifiziert outsourcen zu können aber weiterhin die volle Kontrolle über die Prozesse bzw. die Prozessoutputs zu behalten. Wenn mithilfe eines konsequent angewendeten BPM erreicht wird, dass durch operative Regeln für die Prozesse mit ihren Nahtstellen alle ausführenden Rollen (interne wie externe) in die Lage versetzt werden selbständig mit Problemen fertig zu werden und Lösungen dafür zu finden kann ein rein prozessgesteuertes Unternehmen geschaffen werden – eine Selbststeuerung durch BPM.

Die grundsätzlich gestellte Frage, ob man ein komplettes Unternehmen outsourcen will oder nicht, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Manchmal macht dieser Ansatz auch keinen Sinn. Dieser Artikel soll vor allem als Anregung dienen über ein konsequent angewendetes BPM zu prüfen, für welche Prozesse es sinnvoll erscheint diese selber zu managen oder durch andere externe Spezialisten (Stichwort Arbeitsteilung) realisieren zu lassen und demzufolge nur die Nahtstellen zu managen.

Was denken Sie? Kann man ein komplettes Unternehmen durch BPM outsourcen?

  • Michael Maiss

    Ich empfehle Anhängern der o.g. Fragestellung, „ob man ein Unternehmen durch BPM outsourcen kann“, sich mal mit den Arbeiten von Professor Günter Faltin, Leiter des Arbeitsbereiches Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin, zu beschäftigen – insbesondere mit seinem Standardwerk „Kopf schlägt Kapital. Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen“. Faltin argumentiert, neue Unternehmen wie ein Puzzle aus bestehenden Komponenten oder Leistungspaketen zu „komponieren“, bezogen auf ein unternehmerisches Ziel, wobei er unter Komponenten externe Dienstleister versteht, die zentrale Unternehmensaufgaben wie z.B. Einkauf, Auftragsproduktion, Logistikdienstleistungen oder Rechnungswesen versteht – mit den beiden Kernaufgaben „Unternehmenszielentwicklung“ und „Nahtstellenmanagement“ dieser externen Komponenten als die verbleibende unternehmerische Kernaufgabe.
    Liest man Faltins Werk mit der BPM-Brille, ersetzt Begriffe wie „Komponenten“ durch Prozesse und betrachtet z.B. eine Prozesslandkarte dann als „Visualisierung“ des unternehmerischen Konzeptes, so kann man die o.g. Fragestellungen nach dem Outsourcen eines kompletten Unternehmens sicherlich eindeutig bejahen – ich möchte sie sogar erweitern: Es sollte möglich sein, ein komplettes Unternehmen mit BPM neu zu gründen.

    Hier noch der Link zum genannten Standardwerk: http://www.kopfschlaegtkapital.com/

    • Vielen Dank! Ein passendes Beispiel für die Gründung mit BPM bzw. die Gründung mit einem konsequenten „Nahtstellenmanagement“ ist die Firma Instagram: mit nur 12 Mitarbeitern beim Exit in 2012 – dem Verkauf an Facebook – wurden mehr als 200 Millionen Nutzer, mehr als 20 Milliarden Bilder und mehr als 20 Millionen neue Bilder täglich betreut. Diese 12 Mitarbeiter haben aber nicht z.B. die Server betreut oder einen Kundendienst durchgeführt, sondern die Nahtstellen zu externen Dienstleistern / Lieferanten betreut und gemanagt.
      Interessant wird es jedoch unter dem Organisationsentwicklungs-Blickwinkel wenn man die Frage aus dem Titel für große, lang gewachsene Unternehmen beantworten möchte…