Die Prozesslandkarte – Nur ein Bild oder wichtigstes Werkzeug des Prozessmanagements?

In der Prozessmanagement Community wird kaum ein Thema schon so lange und kontrovers diskutiert, wie die Prozesslandkarte. In einem Advisory Board Meeting der PEX-Week fiel vor kurzem die Aussage „Die Prozesslandkarte ist eines der meist unterschätzten Instrumente des Prozessmanagements“.

BPM&O Prozesslandkarte

Aber warum ist das so?

–        Die Prozesslandkarte ist doch nur eine Grafik.

–        Es gibt doch so viele Referenzmodelle, die ich nur kopieren muss.

–        Wichtig sind doch vor allem die im Detail beschrieben Prozesse.

–        Nur die kann ich steuern und optimieren.

–        Für die Optimierung benötige ich doch keine Prozesslandkarte.

Dies sind nur einige Aussagen, die mir in den letzten Jahren untergekommen sind.

Das bringt mich zuerst einmal zu der Frage

„Was ist eine Prozesslandkarte und wozu wird sie benötigt?“

Fakt ist, sie kann vieles sein, bzw. wird für die unterschiedlichsten Aufgabenstellungen genutzt:

–        die Ebene 1 eines Prozessmodells

–        der Einstieg in ein webbasiertes Prozessportal

–        ein Instrument des strategischen Prozessmanagement

–        ein Instrument des operativen Prozessmanagement

–        ein Politikum

–        ein Gradmesser für die Prozessorientierung einer Organisation

–        ein Zielbild

–        eine Vision

–        eine alternative Darstellungsform eines Organigramms

–        etc……

Ein weiterer Hinweis für die unterschiedlichsten Wahrnehmungen der Prozesslandkarte ist die Art und Weise wie sie entsteht.

Es gibt Unternehmen, die sich ihre Prozesslandkarte von externen Partnern mitbringen bzw. entwickeln lassen. Häufig werden dafür Referenzmodelle genutzt. Andere Unternehmen lassen Ihre Prozesslandkarten von internen Organisationseinheiten wie das Qualitätsmanagement, die IT oder das Prozessmanagement-Team entwickeln oder lassen die eigene Landkarte im Rahmen von Projekt, Bachelor- oder Masterarbeiten entstehen. Und in ganz seltenen Fällen wird die Prozesslandkarte vom TOP-Management nicht nur freigegeben, sondern gemeinsam von der ersten und zweiten Führungsebene entwickelt.

In der einschlägigen Literatur zum Thema Prozessmanagement findet man ebenfalls die unterschiedlichsten Definitionen zur Prozesslandkarte.

Dass die Prozesslandkarte aus wissenschaftlicher Sicht auch noch nicht zu Ende erforscht ist, zeigen einige aktuelle Forschungsprojekte unter anderem an der Wirtschaftsuniversität in Wien.

Auch wir von der BPM&O haben uns intern in den letzten Monaten erneut intensiver mit den methodischen Fragestellungen zur Entwicklung einer Prozesslandkarte beschäftigt und haben selbstverständlich eine klare Vorstellung davon wie eine Prozesslandkarte entsteht und welchen Qualitätsmerkmalen eine Prozesslandkarte unterliegt. Wir sind uns auch bewusst, dass die Entstehung einer Prozesslandkarte ein wichtiges Kapitel auf dem Weg zur Prozessorientierung darstellt, bzw. eines der wichtigsten Instrumente ist, um Bewusstsein für Prozessorientierung gerade bei den Führungskräften zu schaffen. Für uns ist die Entwicklung einer Prozesslandkarte nicht nur eine methodische Fragestellung, sondern auch oder vor allem eine Fragestellung der Organisationsentwicklung.

Aus diesem Grund werden wir der Prozesslandkarte in diesem Blog noch viele weitere Artikel widmen und dabei unterschiedlichste Ansätze und Perspektiven einfließen lassen. Wenn Sie als Experte oder/und Anwender Ihre Erfahrungen mit uns teilen möchten, freuen wir uns auf den Dialog mit Ihnen, gerne auch als Kommentar hier im Blog.

 

  • Lieber Herr Schnäbelberger,

    toller Artikel über ein sehr wichtiges Thema. Die Argumente gegen eine Prozesslandkarte kenne ich auch. Dahinter steckt oft die Angst, über den eigenen Tellerrand zu schauen.
    Wenn eine Prozesslandkarte fertig ist, ist sie sehr einfach, fast trivial. Wer aber einmal mit einem Team eine solche Landkarte erarbeitet hat, weiß wie viel Hirnschmalz dahinter steckt. Die Begriffe und das Verständnis der Prozesse sind nun mal nicht so einheitlich, wie sich das so mancher vorstellt.

    Klar ist eine Prozesslandkarte nur ein Bild. Das wichtige daran: sie ist EIN Bild. Mit der Prozesslandkarte haben alle EIN Bild im Kopf, und nicht jeder sein eigenes. Wenn auf der Ebene der Prozesslandkarte keine Einigkeit und kein Überblick erreicht ist, wie soll man dann dem Prozessmanagement auf der Detailebene vertrauen können? Deshalb ist für mich die Prozesslandkarte das wichtigste und herausforderndste Werkzeug des Prozessmanagements.

    Mit besten Grüßen, Andreas Bungert

    PS: Ich nutze oft eine Darstellung, die auch das Zusammenspiel der Prozesse zeigt. Wenn Sie wünschen, können wir uns dazu gerne einmal austauschen.

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